Digitale Piraterie: Fluch der Filmindustrie oder Hilfe zur Selbsthilfe?

May 29, 2012 in Consumer behavior, Digitalisation, Distribution

Filmpiraterie

Ob und wie die digitale Piraterie der Filmindustrie nun schadet, ist bis heute ein umstrittenes Thema. Da gibt es die eingeschworenen Gegner der Piraten, die Schaden in Millionenhöhe beklagen, dann wieder andere, die keinerlei Effekt nachweisen können.

Getreu nach dem Motto: „Traue keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast“, soll es hier darum auch nicht um das Für und Wider der Filmpiraterie gehen, sondern um das „Wie“. Wie wirkt man der Piraterie subtil entgegen? Oder anders gesagt: Wie kann man intelligente Ideen entwickeln, um den Holzhammer zu umgehen?

Der Service
Behaupten wir einfach einmal, dass nicht jeder Filmpirat aus ungehemmter krimineller Energie raubkopiert. Dadurch wird unweigerlich klar, dass vielleicht nicht nur die Menschen das Problem sind, sondern auch der Service. Oder genauer: Der mangelnde Service. Fakt ist: Heutzutage wollen Menschen Filme im Internet anschauen oder sie zumindest darüber beziehen. Das Internet ist keine Neuheit mehr, und  Bandbreiten in Deutschland können mit den gegebenen Datenmengen in DVD-Qualität umgehen. Nun stellt sich die Frage – welche Möglichkeiten werden mir, als Nutzer, geboten? Schauen wir uns einen Blockbuster der letzten Jahre an, Christopher Nolans “Inception”. Diesen finde ich auf iTunes zum Preis von 9,99 Euro. Denselben Film bekomme ich auf Amazon.de auf DVD für 5 Euro und in Bluray-Qualität für 10 Euro. So bekomme ich also einen digitalen Film ohne physisches Medium, ohne Lagerkosten, ohne Hülle für die Sammlung zum selben Preis, bzw. sogar teurer, wenn ich ihn digital erwerbe, in DVD-Qualität, versteht sich. Schauen wir uns ein aktuelleres Beispiel an:

Die Serie “Game of Thrones”. Die deutsche Erstausstrahlung fand im November statt, iTunes benötigte fast 3 Monate, bevor man die Serie legal erwerben konnte. Die generelle Ablehnung iTunes einiger Nutzer im Zusammenhang mit Apple wird hier außen vor gelassen. Wenn man sich also mit DRM (Digital Rights Management), von Land zu Land variierenden und willkürlich wirkenden Preisen herumschlagen muss, sowie teilweise Monate auf die legale Version warten muss, während täglich die einfache Torrentversion gratis lockt, dann sind hohe Raupkopien plötzlich ein gutes Stück nachvollziehbarer, denn: Menschen gehen immer den Weg des geringsten Widerstands. Doch nur ein Bruchteil tut dies aus reiner Boshaftigkeit. Hier ist es die Aufgabe des Marktes, sich zeitnah an die Wünsche des Nutzers anzupassen. Ein Artikel auf Spiegel Online betitelt es sehr treffend: “Wer nicht verkauft, der wird beklaut”!

Die Filmindustrie ist zu langsam
Die digitale Distribution muss ausgebaut werden. Wie bereits beschrieben, wollen Menschen Filme digital sehen und sind dazu auch in der Lage. Aber welche Alternativen gibt es für mich als ehrlicher Filmfreund? Ein Blick in die Musikbranche kann hier helfen. Dienste wie Simfy oder Spotify bieten mir die Möglichkeit Musik in verschiedenen Varianten zu genießen. Werbebepackt und beschränkt für umsonst, oder in mehreren Preisabstufungen bis hin zu unlimitierten Offlineplaylists auf dem Smartphone. Wieso ist ein solcher Dienst in der Filmbranche nicht möglich? Wäre es keine Option, eine werbebasierte Filmplattform mit optionalen Premiumdiensten anzubieten? Fünf Filme im Monat gegen Werbung, Bezahlung eröffnet weitere Möglichkeiten. Das Internet ist ein völlig neuartig funktionierendes Medium, ohne alles überblickende Administratoren, frei und rasant in der Entwicklung. Wenn sich die Industrie hier nicht anpasst und schneller arbeitet, dann wird die Piraterie weiter ungehemmt Blüten treiben.

Bitte verstehen sie diese Zeilen nicht falsch. Piraterie wird hier weder verteidigt noch simpel erklärt – aber ihre reine Existenz zeigt, dass es ein Problem gibt. Menschen wollen einen Service nutzen, der dem Rezipienten bisher nicht befriedigend zur Verfügung gestellt wird. Und wie bereits gesagt – nicht jeder Pirat ist Pirat, weil ihn ihm ungehemmte kriminelle Energien walten. Viele Menschen sehen für sich einfach nur die Alternative zwischen “Sehen” und “Nicht sehen”. Diesen Menschen, die Piraterie nur als Mittel zum Zweck nutzen, muss man entgegen kommen. Subtil in den Markt eindringen ist hier der Weg, und nicht die nächste semiseriöse Abmahnwelle. Wenn ich heute auf Netflix surfe, dann werde ich mit einer simplen Entschuldigung vertröstet: Sorry, Netflix is not available in your country… yet

Dieser Artikel wurde von einem Autorenteam verfasst:
Lucas Aresin, Tobias Bomm, Michael Bühler, Steffen Hildinger, Vanessa Lehwohl, Christine Rehm, Philipp Stöhr