Kinderfernsehen für alle – ein Plädoyer für mehr Mut in Bezug auf den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag
July 16, 2012 in Communication, Consumer behavior, Television
„Es ist Ihre Schuld, wenn Sie es nicht schaffen, ihn durch Ihren Unterricht zu fesseln“. So verteidigt Paul Jobs seinen Sohn Steve am Ende der 3. Klasse gegen die von ihm durchgeführten und seitens der Schule vorgeworfenen Streiche. Als ich diesen Satz letztens in der Biographie von Steve Jobs las, musste ich unweigerlich an zwei Dinge denken: Zum einen an die Schule meiner Tochter (diese Argumentation muss man sich als Vater einfach merken), und zum anderen an den Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland. Warum?
Seit den Neunzigerjahren wird in Deutschland immer wieder darüber diskutiert, dass
die Politikverdrossenheit der Bevölkerung zunimmt. Dabei stellt sich allerdings grundsätzlich die Frage, welche Faktoren einen Einfluss auf diese Einstellungsänderung haben. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass die Medien dabei in einer modernen Demokratie eine entscheidende Rolle spielen, sind sie doch mit Abstand die wichtigste politische Informationsquelle der Bürger. Dem Fernsehen muss dabei noch eine übergeordnete Funktion zugebilligt werden, denn es ist immer noch mit Abstand das meist genutzte Massenmedium in Deutschland. Ergo hat das Fernsehen die Möglichkeit, etwas an der Situation zu verändern. Doch warum geschieht das nicht?
Kinderfernsehen ist ein Traum
Schlagen wir erst einmal die Brücke zum Kinderfernsehen. Und in diesem Fall beziehe ich mich mal ausdrücklich auf das Kinderfernsehen der öffentlich-rechtlichen TV-Sender. Hier sind die Ansprüche der Kinder, aber auch die Qualität der angebotenen Sendungen, in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Während ich mich noch mit Calimero und Grisu unterhalten gefühlt habe, gibt es heute eine Vielzahl von interessanten und pädagogisch hochwertigen Wissensendungen für Kinder. Dazu gehören u.a. „Pur+“, „Willi will´s wissen“, „Wissen macht Ah“, „Logo Kindernachrichten“ usw. Natürlich gibt es auch noch den Vorreiter, die „Sendung mit der Maus“, die auch schon zu meiner Zeit Erwachsene vor den Fernseher gelockt hat.
Und damit sind wir beim Thema. Diese Sendungen vermitteln auf einem einfachen aber hochwertigen Niveau komplexe Themen und Sachverhalte. Ob es der Syrien-Konflikt ist oder der Ankauf von Steuer-CDs aus der Schweiz; ob es darum geht, welche Kraft die Sonne hat oder warum Atomkraft ein schwieriges Thema ist; es gibt nichts, was nicht erklärt oder angesprochen wird. Viele von den Sendungen wurden auch schon ausgezeichnet. Darüber hinaus sind sie fast alle als kostenloser Podcast erhältlich und können von den Kindern jederzeit angeschaut werden.
Fehlende Adaption für Erwachsene
Nun stellt sich mir die entscheidende Frage: Warum gibt es so etwas nicht für Erwachsene? Okay, so ganz stimmt das nicht. Es gibt schon Sendungen wo auch Erwachsenen versucht wird, Wissen zu vermitteln. Die neueste Sendung in diesem Zusammenhang nennt sich „Nicht nachmachen“ und wird vom ZDF ausgestrahlt. Dabei experimentieren Wigald Boning und Bernhard Hoecker herum, zerstören Häuser und andere Dinge, um dann zu erwähnen, dass man das nicht nachmachen sollte. Das Ganze hat natürlich einen hochwissenschaftlichen Charakter. Ebenso hochwertig die letztens ausgestrahlte Sendung „Brot und Spiele“ in der ARD. Dort hat man versucht, zur Samstagabend-Primetime dem Zuschauer zu erklären, wie die alten Römer gelebt und gekämpft haben. Der „Höhepunkt“ war ein Gladiatorenkampf zwischen Ralf Möller und Henry Maske. Ich denke, jeder weitere Kommentar erübrigt sich.
Darüber hinaus weiß inzwischen sicherlich jeder erwachsene Zuschauer, wie man ein Restaurant führt oder sein Haus bzw. seine Wohnung renoviert. Selbst Tipps zur Kindererziehung sind abrufbar. Aber ein TV-Format in dem politische Themen erklärt werden gibt es nicht. Sicher, es gibt eine Vielzahl von Talkshows, aber über deren Qualität und Probleme wurde ja auch schon an dieser Stelle diskutiert. Das Ergebnis war eindeutig, nämlich das die Mehrzahl der politischen Themen so komplex ist, dass sie nicht mehr vermittelt werden können. Meines Erachtens fehlt hier der Mut der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten. Die Formate liegen vor, die Konzeptionen ebenso. Warum soll man nicht etwas aus dem Kinderfernsehen übernehmen, was zum einen erfolgreich ist und zum anderen funktioniert?
Was spricht gegen ein Format, in dem die wichtigsten politischen Themen der Woche (des Tages) auf einem für alle verständlichen aber hochwertigen Niveau erklärt werden? Bitte nicht falsch verstehen, hier geht es nicht um eine neue Form des Telekolleg, sondern darum, wie man es schaffen kann, den Großteil der Bevölkerung, der in Bezug auf Politik und deren Berichterstattung schon lange abgeschaltet hat, wieder in die Gesellschaft zu integrieren bzw. wieder diskussionsfähig zu machen. Natürlich kann es auch nicht die alleinige Aufgabe des Fernsehens sein, dies zu leisten, aber es kann einen entscheidenden Beitrag dazu liefern.
Autorenprofil von Martin Wysterski
Die Idee, dass politische Themen auf eine verständliche Niveau erklären werden sollen, kann ich nur unterstützen. Ich gehe hier auch gerne auf die Jugendliche ein. Denn wie man weiss ist die Zahl der jungen Wähler auch zurück gegangen und diese Stimmrechte, die nicht verwendet wurden, sind eine Verschwendung! Ich denke mal das die Jugendliche, auch die Erwachsenen, dadurch unser System, und warum wir wählen sollten, besser verstehen können. Die öffentlich-rechtlichen wissen das auch, dass unsere jungen Wähler ungern ihre Stimmen abgeben. Deshalb wäre das ein Projekt, das uns dabei hilft, dieses System besser zu verstehen und nicht darauf zu hoffen, das andere es besser wissen und es für uns schon machen.
Was dagegen spricht ist meiner Meinung nach offensichtlich – Die Wirtschaftlichkeit. Auch wenn es sich hierbei um ein öffentlich-rechtliches Angebot handelt, welches vom Staat unterstützt wird, kann ich mir gut vorstellen, dass die Einschaltquoten miserabel werden.
Es ist ja genau diese ‘Politikverdrossenheit’ von der sie sprechen, die letztendlich dafür sorgt, dass nur die Wenigsten dieses Angebot dann nutzen werden. Anstatt Gelder in die ältere Generation zu investieren und damit kläglich zu versuchen mehr Leute für die kritische Auseinandersetzung mit relevanten Themen zu begeistern, finde ich, dass das Fernsehen es schon richtig macht. Sie sollten den Fokus auf die Jugend beibehalten, denn ‘was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr’.
Erwachsene, die sich zu politischen Themen bilden möchten können in Google einfach den Suchbegriff ‘Politik’ eingeben, das zweite Ergebnis ist ‘Spiegel Online’ dort wird man meiner Meinung nach sehr gut informiert, zusätzlich gibt es die Möglichkeit über jeden Artikel mit anderen Usern im Forum zu diskutieren, wenn das mal nicht eine viel bessere Alternative ist, vor allem weil es dieses Angebot schon gibt.
Ich kann dem Artikel nur zustimmen. Was vielen Erwachsenen heute fehlt ist ein gewisses Basiswissen zu manchen Themen. Wenn man sich nicht regelmäßig mit politischen Neuigkeiten auseinandersetzt, verliert man in komplexen Themen den Anschluss. In den Nachrichten erfährt man oft nur, was es am heutigen Tag neues gab zu einem Thema, aber nicht wie das Problem überhaupt zustande kam. Viele kannten beispielsweise bei der Finanzkrise 2008 gar nicht Hintergründe, warum die Krise überhaupt entstanden ist. Und wissen somit auch nicht was man dagegen tun könnte, damit so etwas nicht mehr passiert.
Solches Basiswissen wird, natürlich in vereinfachter Form, im Kinderfernsehen erklärt. Sowas sollte es auch für Erwachsene geben. Die Frage bleibt nur, ob so etwas angenommen wird. Vielen Leuten fehlt das grundsätzliche Interesse, sich mit der Politik auseinanderzusetzen. Das Wichtigste wäre diesen Leuten so eine Sendung schmackhaft zu machen. Auch junge Menschen, die beispielsweise gerade die Mittlere Reife gemacht haben, sind mit der normalen Berichterstattung oft überfordert. Diese könnten über ein solches Format an die Politik herangeführt werden.
Wenn man heute Beispielsweise eine Umfrage über Basis Wissen in Politik macht, wird man mit erschrecken entdecken, dass nicht nur die meisten Jugendlichen kaum bis gar kein Wissen haben ( mit Ausnahmen selbstverständlich), sondern, dass auch bei Erwachsen viel Basis Wissen, als auch allgemeine und aktuelle Angelegenheiten in Punkto Politik, fehlen. Sich mit der Politik zu beschäftigen bedeutet nicht nur Basis Wissen zu haben, sondern man muss sich ständig mit den Aktuellen Dingen und Nachrichten auseinander setzen um genau diese Sachverhalte, Problemstellungen, Wahlen und weiter zu verstehen und besser einzuschätzen. Die Jugend spielt hierbei eine wichtige Rolle, denn sie sind unsere Zukunft und ohne genaue und richtige “Aufklärung” in Politik wird dieses Wissen falsch verstanden und auch falsch wiedergegeben. Deshalb finde ich die Idee eben genau solche politischen Themen verständlich als auch einfach für Jugendliche über das bestimmte Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu übermitteln. Nicht nur Kinder lernen daraus die Politik zu verstehen, sondern auch die Eltern und Erwachsenen haben so die Möglichkeit ihr wissen aufzubauen oder auch nachzuholen. Die vielleicht negativen Einschaltquoten sollte man doch eher außer acht lassen, da das öffentlich-rechtliche durch den Staat gesichert sind. Viel wichtiger ist es eben dieses Grundwissen zu vermitteln und neues Publikum anzusprechen, auch wenn noch nicht genau prognostiziert werden kann, wie viele sich dieses Wissen über diese Programme holen.
Ich denke auch, dass das Argument bezüglich der Einschaltquoten hier nicht die größere Rolle spielen sollte… Der Bildungsauftrag ist eine extrem wichtige Funktion, die, wie im Kommentar über mir schon richtig erwähnt, elementar für die Demokratie ist. Ohne ausreichende Informationen und verständlich vermitteltem Wissen werden erst recht “Stammtischmeinung” und Halbwissen gefördert bzw. deren Häufigkeit gesteigert.
Denn wirklich politikfaul scheint die Jugend nicht zwingend zu sein, guckt man sich die Beliebtheit der Piraten an. Es ist womöglich einfach ein größerer Bedarf an Politik, welche direkter, nicht so stocksteif, transparenter und verständlicher ist, vorhanden. Und dafür ist es noch wichtiger, dass die Bürger gut informiert sind, was auch das Vorgehen zum Beispiel in der Schweiz erklärt, wo man zumindest immer versucht vor einer Volksabstimmung den Menschen das nötige Wissen für die Abstimmung zu vermitteln.
Und auch wenn wir (noch) keine Volksabstimmungen und co. hier in Deutschland haben, so ist es doch mit Sicherheit von Nöten, dem Bürger durch das öffentlich rechtliche Fernsehen entsprechend zu versorgen. Und da helfen sicher nicht die immer gleichen Talk Sendungen, mit den immer gleichen Gästen, die sich immer gleich ins Wort fallen und oberflächlich über die immer gleichen Themen reden. Moderne, frische Formate, die auch mal zu den „guten“ Sendezeiten ausgestrahlt werden und Wissen auf eine tiefgreifende, aber nicht überhebliche Weise vermitteln sind das, was wir brauchen. Denn auch mir würden spontan keine drei Sendungen einfallen, die diesen Anforderung wirklich gerecht werden. Ein Zustand, den man ändern sollte.
Durch die veränderte mediale Welt, wird sich auch sicherlich das Interesse an Politik verändern. Durch vermehrte Interaktion zwischen Medien und den Usern, wird auch der politische Content nicht weit entfernt sein, sondern “anfassbar, gestaltbarer”. Die Erfolge der Piratenpartei sind sicherlich auch darauf zurückzuführen.
Der Mensch interesiert sich für Inhalte, die ihn direkt betreffen bzw. dessen Teil er ist. Die politischen Themen im Fernsehen scheinen immer mehr über Inhalte aus einer anderen Welt zu sein, daher das vermehrte Desinteresse. Wir fühlen uns nicht direkt davon betroffen.
Volksabstimmungen sind ein gutes Mittel um das Mitwirken der Menschen zu fördern und sie so für politische Themen zu begeistern. Dies müsste aber öfters geschehen und auch vereinfachter über die neuen Medien.
Ich kann dieses Problem sehr gut nachvollziehen, denn mir passiert es immer wieder, dass in meinem Freundeskreis darüber diskutiert wird, wie kompliziert die aktuellen Sachverhalte der Politik in den Medien vermittelt werden. Dabei stellte sich heraus, dass die meisten Konsumenten bei Politikthemen, wie sie in den Medien aufbereitet werden, Schwierigkeiten haben, diesen zu folgen und deshalb mangels Interesse abschalten und sich auf weniger anspruchsvolle Themen der Fernsehlandschaft einlassen.
Die Kinder- und Jugendformate im Fernsehen dagegen vermitteln diese Informationen verständlich und meist auch noch interessant durch den Praxisbezug auf das Leben der Bürger. Ich habe ebenso davon erfahren, dass diese Sendungen teilweise schon zurecht ausgezeichnet wurde (z.B. die Nachrichtensendung “logo!”), was ich gerechtfertigt finde. Auch ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich beim Zappen durch das TV-Programm bei eben solchen Sendungen verharre, weil ich kein Bedürfniss verspüre, dass ich dabei etwas langweiliges konsumiere. Ganz im Gegenteil – durch die interessante Aufbereitung macht es sogar Spaß, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen und vielleicht manches zu begreifen, das man sich schon lange gefragt hat und die meisten Erwachsenen Schwierigkeiten hätten, einen dort erklärten komplexen oder weniger komplexen Sachverhalt zu erklären.
Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten sollten sich durch solche Artikel dazu animieren lassen, Kinderfernsehen-ähnliche Formate auf den Markt zu bringen um somit die Politik und schließlich die Demokratie Deutschlands positiv durch eine breitere Masse an Interessenten zu beeinflussen.
In der Tat gibt es heut zu Tage immer häufiger komplizierte ökologisch und Politische zusammenhänge. Beispiele sind hierfür die Europapolitischen Themen.
Es gibt schon einige versuche komplexe Themen mit Audiovisuellen Medien zu erklären. Ein Beispiel dafür sind Beiträge auf Tagesschau.de, die versuchen diese Wissenslücken zu schließen. Diese Videos werden allerdings viel zu spärlich veröffentlicht und können so nur sehr Oberflächlich darüber Informieren.
Ich kann den Beitrag von Timo Paplewski durchaus unterstreichen. Für den Fall von Volksabstimmungen wäre ein breites und sehr umfangreiches politisches Informieren der Bevölkerung von Nöten. Hier können solche Wissensendungen ansetzten, müssen dann später aber weiter vertieft werden um dem Wähler für die Wahl genügend Kompetenz zu vermitteln.
Meiner Meinung nach können die öffentlich rechtlichen Medien aber nur schwer das überwiegende politische Desinteresse wach rütteln, wenn sich viele Junge Menschen weitestgehend auf RTL und Sat1 informieren. Hier wäre der Appell auch an die Privaten, ein vernünftiges Politisches wissen zu verbreiten. Man wird ja noch träumen dürfen…