Second Screen – die lang ersehnte neue „Killerapplikation“ oder nur der Wunschtraum der TV Sender?
September 20, 2012 in Consumer behavior, Distribution, Innovation, Mobile, Social Media, Television
Jahrelang hat man gehofft, eine neue „Killerapplikation“ – sozusagen als Nachfolge für die in die Jahre gekommene SMS – zu finden. Glaubt man der Berichterstattung der letzten Monate, so scheint man sie gefunden zu haben. Ihr Name: Second Screen. Der so genannte Second Screen, also die Nutzung eines mobilen Zweitgerätes mit Internetanschluss parallel zum Fernsehprogramm, gehört momentan zu den am meisten diskutierten Themen in der TV-Branche. Doch ist das Konzept wirklich so revolutionär? Oder ist es nur ein künstlich erzeugter Hype der TV Sender?
Was passiert beim Second Screen?
Folgendes Szenario: Der Nutzer sitzt vor dem Fernsehgerät und schaut eine Sendung. Nebenbei nutzt er sein mobiles Endgerät (Smartphone, Tablet, Laptop), um sich entweder zusätzliche Informationen zur aktuellen Sendung anzusehen oder um sich mit anderen, die gerade diese Sendung sehen, darüber auszutauschen. Eigentlich nichts Außergewöhnliches. Das machen viele und schon lange. Und vor allem nicht nur, wenn die Sendung läuft. Als Beispiel seien hier nur die unzähligen Foren erwähnt, in denen Fans von Serien über den weiteren Verlauf und das Schicksal der Protagonisten diskutieren. Im Endeffekt geht es nur darum, dass der Nutzer zwei Dinge parallel macht.
Was passiert gerade bei den deutschen TV-Sendern?
Die deutschen TV-Sender reklamieren für sich, dass die gleichzeitige Nutzung mehrere Medien den Ursprung in ihrem Programm hat. So gibt es für immer mehr Sendungen so genannte Second Screen Angebote, die mehr oder weniger mit heißer Nadel gestrickt auf den Markt kommen. So hat beispielsweise das ZDF eine Second Screen Applikation für ihre Krimi-Reihe „Die letzte Spur“ entwickelt, bei der der Zuschauer spielerisch entscheiden kann, wer Täter oder wer Opfer ist. Sehr schön in diesem Zusammenhang ist auch die fantastische Erklärung des Konzepts im ZDF Morgenmagazin. Oder nehmen wir RTL. Zum Start seiner neuen „Deutschland sucht den Superstar“-Staffel stellt der Kölner Sender eine kostenlose RTL-Inside-App zur Verfügung, mit der es “TV-synchron einmalige Einblicke und spannende Interaktionsmöglichkeiten zum Start von Deutschlands erfolgreichster Showreihe” geben wird, wie der Sender in einer Pressemitteilung schreibt. Wahrscheinlich erfährt man hier alles über die Kandidaten, was man sowieso nicht wissen möchte.
Was passiert gerade in der deutschen Wirtschaft?
Unzählige Startups schmeißen sich auf das Thema Second Screen. Es gibt unglaubliche Finanzierungen von – anscheinend – risikobereiten Kapitalgebern. Da wäre z.B. wywy zu nennen. Im Sommer dieses Jahres hat wywy sich aus der Deckung getraut und mit einer Finanzierungsrunde von 2,5 Millionen Euro überrascht. „wywy erkennt und überwacht das TV-Sendesignal. Mit einer perfekten Synchronisation zwischen Sendeausstrahlung und Signalempfang beim Zuschauer ermöglicht wywy damit interaktive Second Screen-Lösungen”. Das Ziel des Unternehmens besteht darin, Fernsehen interaktiver zu machen. So soll der Zuschauer automatisch Content auf sein mobiles Endgerät bekommen, um z.B. die gezeigten Produkte direkt kaufen zu können.
Das Berliner Unternehmen Zapitano hatte schon im Frühjahr verkündet 1,7 Millionen Euro eingesammelt zu haben. Mit Zapitano sei die Zeit des Berieselns vorbei und der Zuschauer würde vom Zapper zum Zapitano oder zur Zapitana. Den Hauptstädtern geht es dabei vor allem um das Thema crossmediale Vermarktung, also Werbung parallel zum Fernsehen. Diesbezüglich gibt es noch mehr Beispiele. TunedIn, waydoo oder tweek positionieren sich alle als soziale Begleiter des TV-Zuschauers. Das Konzept erinnert irgendwie stark an Betty TV. Man kann nur hoffen, dass die Umsetzung besser funktioniert.
Was passiert bei den Experten?
Klaus Goldhammer von Goldmedia zeigte sich vor kurzem schier begeistert von den Möglichkeiten des Second Screen. Und er gibt zu bedenken, dass man vor ein bis zwei Jahren noch gar nicht über das Thema nachgedacht bzw. darüber geforscht hat. Es hat sich sehr rasant entwickelt und wurde von den Nutzern vorangetrieben.
Im Juli dieses Jahres ist die Unternehmensberatung Anywab an die Öffentlichkeit gegangen und hat die Studie “Second Screen Zero – Die Macht des zweiten Bildschirms” veröffentlicht. Nach eigenen Aussagen handelt es sich dabei um die erste Studie dieser Art in Deutschland. Deren Ergebnisse gingen durch die komplette Medienlandschaft. Allerdings sind die Zahlen nicht sehr berauschend. Die Hauptaussage ist, dass knapp die Hälfte der werberelevanten Zielgruppe (14 – 49 Jahre), die auch das Internet nutzt, gelegentlich Online-Inhalte zum laufenden Fernsehprogramm abruft. Je jünger und je häufiger private Fernsehsender konsumiert werden, desto eher.
Die Ergebnisse der ARD/ZDF Onlinestudie, die in diesem Jahr zum ersten Mal das Thema Second Screen mitaufgenommen hatte, zeigt ein ähnliches Bild. 37 Prozent der Fernsehzuschauer surfen parallel klassisch im Netz – d.h. sie shoppen, kümmern sich um ihr Onlinekonto oder nutzen ein Nachrichtenportal. Nur 12 Prozent der Onliner geben an, gelegentlich (!) weiterführende Informationen zu den laufenden Sendungen parallel am Laptop, Tablet und Co. zu konsumieren.
Was passiert als nächstes?
Wenn man diesen ganzen Informationen zusammenfasst, so stellt sich schon die Frage, inwiefern insbesondere die TV Sender hier etwas sehen wollen, was es in der Form gar nicht gibt. Es gibt noch keinen Hype um den Second Screen bei den Nutzern. Die machen nichts anderes als parallel zum Fernsehen und zu vielen anderen Dingen auch, ihr mobiles Endgerät zu nutzen. Diese Tatsache ermöglicht eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten (Abruf von QR-Codes, Empfang von aktuellen Informationen, z.B. im öffentlichen Nahverkehr etc.). Aber das hat vorrangig mal gar nicht mit dem Medium Fernsehen zu tun. Natürlich können und sollen die TV Sender die Möglichkeiten des Second Screen nutzen, aber es ist nicht so (und es wird auch nicht so sein), dass sich der Nutzer vor den Fernsehen setzt und bewusst nur deswegen sein mobiles Endgerät einschaltet. Das ist immer an und immer zur Nutzung bereit, egal was der Nutzer gerade tut.
Vielleicht klammern sich die TV Sender hier an ihren letzten Strohhalm, in der Hoffnung, die Entwicklung hin zur individuellen Fernsehnutzung (wann ich will, wo ich will und worauf ich will) doch noch etwas aufhalten zu können. Aber das wird nicht gelingen. Man muss sich von dem Gedanken lösen, dass die lineare Ausstrahlung eines TV Programms zukünftig noch eine Rolle spielt. Im Gegenteil. Und wenn nicht alle gleichzeitig den Krimi schauen, ergibt es auch keinen Sinn mehr, darüber zu diskutieren, wer eventuell der Täter ist. Und wenn die Sendung z.B. auf dem Tablet angesehen wird, wird der heutige Second Screen zum First Screen. Was dann? Dann ist das Konzept gescheitert und man fängt wieder von vorne an darüber nachzudenken, wie man Content und Zusatzinformationen auf einen Screen bekommt. Denn nur das kann in Zukunft erfolgreich sein.
Autorenprofil von Martin Wysterski
Follow Us!