Die Piraten – freibeuterische, digitale Visionäre und politisch unerfahren!?
October 17, 2012 in Communication
Wie die Piratenpartei durch die Darstellung der Medien von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird
Von den Medien wird die Zielgruppe der Piratenpartei als jung, männlich und technikaffin beschrieben. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn man in den Berichten öfters von einer Partei für „Nerds“ liest. Jedoch bemüht sich die Partei durch verbesserte Versionen des Liquid Democracy- und Liquid Feedback-Projekts diese Vorurteile zu zerstreuen, indem diese deutlich einfacher gestaltet und somit auch einer breiten Masse zugänglich gemacht werden sollen. Bei Liquid Democracy handelt es sich um eine Kombination aus direkter und indirekter Demokratie, bei der ein jeder seine Stimme einem Delegierten seiner Wahl anvertrauen kann. Die Piraten nutzen die neuen Medien wie keine andere Partei und rufen mithilfe sozialer Plattformen zu Flashmobs auf, um z.B. die Etablierung von Nacktscannern zu verhindern. Sie zeichnen sich für ein neues Medienverständnis auf politischer Ebene aus. Auch die Legalisierung von Haschisch und die Einführung von Rauschkundeunterricht wurden von den Medien aufgegriffen, um die Vorstellungen und Zielsetzungen der Piratenpartei zu vermitteln.
Der Hype um die Piratenpartei
Kurz nach aufkommen der Piratenpartei Deutschland im Herbst 2006 schossen das mediale Interesse und die Umfragewerte zugunsten der Piratenpartei in die Höhe. In den Medien wurde viel Aufsehen erzeugt, indem viel über diese Partei berichtet und diskutiert wurde. Viele Wähler wechselten auf die Seite der Piraten, da die Medien zugunsten der Piratenpartei polarisierten. Der Bekanntheitsgrad der Piratenpartei stieg in kürzester Zeit rasant an, sie rückten somit immer weiter in den Fokus der Gesellschaft. Viele versprachen sich eine Wende in der Politik und viele Politiker sahen eine Chance, die Bürger aus der Politikverdrossenheit zu befreien. Gerade die Web2.0 und Web3.0-Generationen wurden durch die Schwerpunkte Technik, Internet, Datenschutz etc. angesprochen und begeistert, weil diese Themen aus Sicht dieser Zielgruppen in der Politik nicht mit ausreichender Kompetenz diskutiert und entschieden wurden. Auch Parallelen zwischen den Grünen und der Piratenpartei wurden und werden immer noch in den Medien thematisiert.Die Piratenpartei wird sogar als die Grünen 2.0 bezeichnet. Kein Wunder, denn wie schon damals die Grünen durch ihre Proteste gegen die Atomenergie und für ein besseres Umweltverständnis kämpften, so gewinnt die Piratenpartei durch aktuelle Streitthemen wie „Welchen Sinn macht der Urheberschutz noch? “, „Post-Privacy Diskussionen“ oder „Mindestlohn – Brückentechnologie für das bedingungslose Grundeinkommen“ Aufwind. Gerade diese Themen, die sich unter anderem auch mit dem freien, uneingeschränkter Zugriff sämtlicher Daten innerhalb das Internets befasst, spricht einen modernen und medial interessierten Großteil der Gesellschaft an. Daher ist es auch nicht überraschend, dass der mediale Hype um die Piraten enorm war.
Meuterei durch die Medien
Die Partei verlor jedoch immer mehr an Fahrt und nun macht es fast den Anschein als wurde ihnen medial gesehen der Wind aus den Segeln genommen. So hat die Darstellung der Piratenpartei innerhalb Deutschlands in den Medien im Laufe der vergangenen Jahre einen großen Wandel erfahren. Die zunächst von den Medien als innovativ gefeierte, groß umworbene Piratenpartei fällt, wenn überhaupt, heutzutage immer mehr aufgrund Negativschlagzeilen auf. Man könnte fast sagen, dass sich die Partei momentan mehr selbst schadet, als durch äußere Einflüsse. Parteiinterne Unstimmigkeiten sind nur einer der Gründe warum die Piraten immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren. Aussagen wie zum Beispiel durch die Beisitzerin des Bundesvorstands Julia Schramm (Autorin, welche wegen einer Urheberrechtsverletzung ihres Buches eine Anklage führt), die die Datenschutz- und die Urheberschutzbestimmungen als überholt bezeichnete, stehen im starken Widerspruch zu ihrem außerparteilichen Verhalten. So wurde ein Link, unter dem die PDF ihres Buches „Klick mich“ kostenlos downloadbar war, kurzer Hand von ihrem Verlag entfernt.
Solche und andere Widersprüche zu ihren Idealen werden öfters von den Medien aufgegriffen. So tritt die Partei für Transparenz ein, macht sich aber durch ihr „Liquid Democracy“ Projekt angreifbar. Sie obliegt es allein den Mitgliedern der Piratenpartei die richtige Funktionsweise des „Liquid Feedbacks“ Systems zu kontrollieren. Nach dem Wahlerfolg und Einzug in den Berliner Landtag nahm die kritische Berichterstattung der Medien gegenüber der Piratenpartei enorm zu. Kritisiert wurden vor allem ein nach Ansicht der Medien fehlendes Parteiprogramm sowie die Fokussierung auf ein Thema innerhalb der Partei. Ebenfalls im Vordergrund stand die fehlende politische Ausbildung der gewählten Parteimitglieder. In den Medien wird auch immer wieder berichtet, wie sehr sich die Partei bemüht. So sucht sie z.B. den Dialog mit den Urhebern, um mit ihnen zusammen nach Lösungen hinsichtlich des Urheberschutzrechts zu finden.
Flaute für die Piraten
Seit dem zweiten Quartal 2012 geht das Medieninteresse an der Partei sukzessiv zurück. Dies könnte auch daran liegen, dass das Interesse der Bevölkerung im Allgemeinen an den Piraten immer mehr nachlässt. Eines sollte man dabei nicht vergessen: Die oberste Maxime eines Verlags ist immer noch die Kapitalbeschaffung. Ist aber das Interesse der Öffentlichkeit an den Piraten gesunken so ist es auch nicht mehr für die Verlage lukrativ über die Aktionen der Piraten zu schreiben. Andere Events, wie die Fußball Europameisterschaft fanden bei der Bevölkerung diesen Sommer deutlich mehr Anklang und stellten daher die Berichterstattung über die Piraten in den Hintergrund. Das Einzige was sich momentan noch gut verkaufen lässt, sind Berichte um Widersprüchlichkeiten der Partei. Jedoch werden selbst diese nicht mehr häufig auf Titelseiten dargestellt, sondern eher im allgemeinen Zeitungsbild. Auch dies geschieht im Vergleich zum medialen Interesse zu den Zeiten des Hypes oder der Kritik wesentlich seltener.
Die Piraten – wild, frei, unerfahren und erfolgreich?
Die Piratenpartei sorgt trotz allem für frischen Wind in der Politik und soll das Politikgeschehen auf eine neue moderne Ebene bringen. Vor allem die Interpretation der neuen Medien als politisches Mittel durch die Piraten ist in der Presse auf positives Feedback gestoßen. Auch die etablierten Parteien und einige derer Funktionäre versuchen sich an dem „neuen“ Kommunikationskanal um jugendlicher zu erscheinen. Sie versprechen sich weitere Zielgruppen zu erschließen und es scheint, als wollen sie näher an den technisch affinen Bürger heranrücken. Es bleibt abzuwarten, in welchem Ausmaß die Piratenpartei in der Politik mitmischen darf und ob mit ihnen und durch sie der Wind dreht. Das Gesamtbild hinsichtlich der Mediendarstellung über die Piraten lässt sich unserer Meinung nach kurz wie folgt beschreiben:
Medienhype, dann kritische Berichterstattung und nun ist es ruhig um die Freibeuter der Meere geworden, die einst so viel vorhatten und immer noch vorhaben. Vereinzelt tauchen hier und dort noch Berichterstattung über einzelne Parteimitglieder auf. Aber vom großen Hype- vom großen Fahrtwind der damals durch die Segel der Piraten streifte ist nur noch ein laues Lüftchen übrig. Daher stellt sich die Frage: Gibt es noch eine Zukunft für die Partei?
Nach unserer Meinung lautet die Antwort: „ja“. Die noch recht junge Partei braucht Zeit um sich zu ordnen und sich zu strukturieren. Spätestens wenn die Partei ein vielschichtiges, facettenreiches und gesellschaftsfähigeres Programm ausgearbeitet hat werden die Medien wieder über sie berichten- über die Piraten 2.0!
ZDF – Alles Liquid?! Ein Jahr unter Piraten (Video)
Spiegel Online – Verloren im Faselmorast
Tagesspiegel – Die Piratenpartei muss demnächst liefern
Stern – Piraten von A bis Z
Autorenprofil von Stefan Sonntag, Dominik Wildner und Mathias Zimmermann
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